Teil II · Kapitel 7
Taschenkarten
Dieses Kapitel liest man nicht am Stück. Es ist ein Werkzeugkasten: eine kurze Karte für jede Sprache, die du wahrscheinlich lernen willst. Geh direkt zu der, die du brauchst, und komm zurück, wenn du mit einer anderen anfängst.
Jede Karte hat vier Teile: wie weit diese Sprache vom Deutschen entfernt ist, die Regeln, die sich am meisten lohnen, eine Falle und einen Tipp zur Aussprache.
Wie weit ist jede Sprache entfernt?
Vor den Karten eine Zahl, die dir hilft einzuschätzen, was auf dich zukommt. Sprachwissenschaftler haben für viele Sprachen gesammelt, wie man etwa 170 Grundbegriffe sagt: Dinge wie Hand, Wasser, schlafen, rot, Nacht. Das sind Wörter, die jede Sprache hat und die selten entlehnt werden. Mit dieser Liste kann man messen, wie viel Prozent dieser Grundwörter zwischen zwei Sprachen Koderivate sind: dasselbe ererbte Wort, mit einem anderen Akzent.
Das sind die Zahlen für das Deutsche, berechnet auf einer Expertendatenbank namens IE-CoR:
Als Tabelle zeigen
| Sprache | Grundwortschatz, den sie durch Erbe mit dem Deutschen teilt |
|---|---|
| Niederländisch | 84 % |
| Dänisch | 62 % |
| Schwedisch | 60 % |
| Englisch | 56 % |
| Französisch | 25 % |
| Spanisch | 24 % |
| Italienisch | 24 % |
| Russisch | 18 % |
Wer diese Tabelle richtig liest, erspart sich Frust. Beim Niederländischen sind mehr als vier von fünf Grundwörtern deine eigenen, mit anderem Akzent: Deine Aufgabe ist, die Regeln des Akzents zu lernen. Beim Englischen ist es mehr als die Hälfte. Beim Französischen, Spanischen und Italienischen nur eines von vier.
Heißt das, die romanischen Sprachen sind für dich verloren? Nein. Es heißt zwei Dinge. Erstens: Im Grundwortschatz dieser Sprachen wirst du mehr auswendig lernen müssen, und das Grimmsche Gesetz aus Kapitel 6 hilft dir bei dem Viertel, das gemeinsames Erbe ist. Zweitens: Diese Tabelle misst nur ererbte Grundwörter. Sie zählt nicht die vielen Wörter, die das Deutsche aus dem Lateinischen und dem Französischen übernommen hat – deine alten Lehnwörter und deine Fremdwörter aus Kapitel 5 – und auch nicht, was du vielleicht im Lateinunterricht gelernt hast. In diesem Wortschatz stehen dir die romanischen Sprachen viel näher, als diese 24 % sagen.
Warum steht das Englische erst auf Platz vier?
Das überrascht fast alle. Englisch lernst du oft schon seit der Grundschule, es klingt dir vertraut, es ist überall. Und trotzdem teilen das Dänische und das Schwedische mehr Grundwörter mit dir. Wie kann das sein?
Zuerst: Vertrautheit ist nicht Verwandtschaft. Englisch kommt dir nah vor, weil du es hörst und lernst, nicht weil es in der Tabelle näher stünde. Die Tabelle fragt nur eines: Ist das Alltagswort für diesen Begriff in beiden Sprachen dasselbe ererbte Wort?
Und da hat das Englische oft ein anderes Wort gewählt. Nimm Hund. Das Niederländische sagt hond, das Dänische und das Schwedische sagen hund; in der Datenbank stehen alle drei in derselben Gruppe wie dein Hund. Das Englische sagt dog. Das verwandte Wort gibt es dort auch – hound –, aber es ist nicht das Alltagswort, es bedeutet den Jagdhund. Für die Tabelle zählt das nicht als geteilt. Ähnlich ist es bei Vogel: Niederländisch vogel, Dänisch fugl, Schwedisch fågel, und das Englische sagt bird. Oder bei Himmel: Dänisch und Schwedisch sagen himmel, das Englische sky.
Unter den Grundbegriffen, die in der Datenbank für Deutsch, Englisch, Dänisch und Schwedisch zugleich stehen, teilt das Dänische 24-mal dein Wort, wo das Englische es nicht tut – und nur 12-mal ist es umgekehrt. An vielen Stellen benutzt das Englische heute ein Alltagswort, das nicht zu deinem gehört – manchmal lebt das gemeinsame Wort noch am Rand weiter (hound), manchmal gar nicht mehr; das Dänische und das Schwedische sagen an diesen Stellen öfter das gemeinsame Wort. Wie es dazu kam, dass eine Sprache für einen Begriff ein anderes Wort nimmt, ist eine eigene Geschichte, und sie steht nicht in dieser Tabelle. Merk dir nur: Die Zahl misst das Erbe im Grundwortschatz, nicht, wie gut du eine Sprache schon kennst.
Karte des Englischen
Entfernung: nah im Grundwortschatz (56 %), und in seiner gelehrten Schicht aus Latein und Französisch triffst du viele deiner Fremdwörter wieder.
Regeln, die sich am meisten lohnen:
- Die zweite Lautverschiebung, rückwärts gelesen (Kapitel 6). Das Englische hat sie nicht mitgemacht, deshalb stehen dort noch die alten Laute. Wo du z oder ss hast, hat das Englische oft t: zehn/ten, zwei/two, Zunge/tongue, Herz/heart, Wasser/water. Wo du pf oder f hast, p: Apfel/apple, Pfeffer/pepper. Wo du ch hast, k: machen/make, Buch/book. Und wo du t hast, manchmal d: Brot/bread.
- Das englische th ist oft dein d: drei/three, Erde/earth.
- Das gh von night steht, wo du ch hast: Nacht/night. Geschrieben wird es noch, gesprochen nicht mehr: night hat das Skelett n · t.
- Die gelehrte Schicht. Viele lange englische Wörter kommen aus dem Lateinischen oder Französischen. Wenn du Latein hast, erkennst du sie sofort: paternal (lateinisch pater), maternal (mater), nocturnal (nox), dental (dens), pedestrian (pes, wie in Übung 6.2).
Falle: die falschen Freunde aus Kapitel 5, Verwandte, die den Beruf gewechselt haben: gift ist ein Geschenk, kein Gift. become heißt „werden“, nicht „bekommen“. actually heißt „eigentlich“, nicht „aktuell“. eventually heißt „schließlich“, nicht „eventuell“. sensible heißt „vernünftig“, nicht „sensibel“. Und ein chef ist ein Koch, kein Chef. Eine Falle andersherum: have ist wirklich mit deinem haben verwandt – aber keines der beiden mit dem lateinischen habēre, auch wenn es so aussieht (Kapitel 12 erzählt dir, warum).
Aussprache: Vier Dinge, die du nicht hast. Das th: think ist nicht sink; das eine ist Θ, das andere Σ. Das englische w, mit gerundeten Lippen, nicht wie dein w – die Klasse bleibt dieselbe (Φ), der Laut nicht. Die stimmhaften Endungen: Das Englische kennt keine Auslautverhärtung, dog klingt nicht wie dok. Und das r nach einem Vokal hängt vom Akzent ab. Such dir einen Referenzakzent aus – den amerikanischen oder den britischen – und nimm deine Skelette aus diesem Akzent. Im britischen Englisch ist das r in mother stumm, genau wie in deinem Mutter: Skelett m · th.
Karte des Französischen
Entfernung: fern im Grundwortschatz (25 %), aber du sprichst schon mehr Französisch, als du denkst.
Regeln, die sich am meisten lohnen:
- Das Grimmsche Gesetz, von deiner Seite aus (Kapitel 6). Wo das Französische ein p hat, hast du oft f oder v: père/Vater. Wo es ein t hat, d: trois/drei. Wo das Lateinische ein k hatte, hast du h: cœur/Herz, corne/Horn, cent/hundert. Auch chien gehört dazu: Man schreibt es mit ch, aber im Lateinischen stand dort ein k (canis) – und bei dir steht h: Hund.
- Der Zirkumflex versteckt ein s. Viele französische Wörter haben ein s verloren und markieren das mit einem Hütchen auf dem Vokal: fête – und dein Fest hat das s noch. Genauso forêt (englisch forest) und, mit é- am Anfang, école (englisch school). Wenn du einen Zirkumflex siehst, setz probeweise ein s hinter den Vokal.
- Das Lateinische steckt drin. Viele französische Wörter sind Latein mit einem anderen Akzent: père (pater), nuit (noctem), huit (octō), lait (lactem). Wo das Lateinische ct hatte, hat das Französische oft it.
- Deine Fremdwörter sind französisch. aktuell, eventuell, sensibel, Chef: Diese Wörter hat das Deutsche aus dem Französischen genommen (actuel, éventuel, sensible, chef). Jedes davon ist ein kleiner Haken, an dem du anfangen kannst.
Falle: Das Französische schreibt viele Konsonanten, die es nicht mehr ausspricht, vor allem am Ende. Wenn du das Skelett aus der Schrift nimmst, wird es länger als das im Mund. Front schreibt man mit fünf Buchstaben und spricht ungefähr frõ: Sein Skelett ist f · r. Denk an die Regel aus Kapitel 2: Es zählt der Laut. Und ein Fremder, der aussieht wie ein Verwandter: feu ist nicht mit deinem Feuer verwandt; feu kommt vom lateinischen focus.
Aussprache: Nasalvokale, die du nicht hast (un, on, an), und gerundete Vokale – hier hast du einen Vorteil: Dein ü ist das französische u von lune, dein ö ist das eu von feu. Hör viel zu, bevor du sprichst.
Karte des Spanischen
Entfernung: fern im Grundwortschatz (24 %), aber mit dem Grimmschen Gesetz, deinem Latein und deinem Englisch hast du viele Türen.
Regeln, die sich am meisten lohnen:
- Das Grimmsche Gesetz (Kapitel 6): padre/Vater, pie/Fuß, pez/Fisch, lleno/voll, tres/drei, cuerno/Horn, corazón/Herz, cien/hundert, can/Hund, quién/wer. Bei diente/Zahn kommt noch deine zweite Lautverschiebung dazu: Grimm machte aus dem d ein t (englisch tooth), und dein Deutsch machte aus dem t ein z.
- Das stumme h ist ein verlorenes f. hijo kommt vom lateinischen fīlius. Wenn du Englisch kannst, hilft dir die gelehrte Schicht: hijo ↔ filial, hierro ↔ ferrous, hacer ↔ fact, hablar ↔ fable, horno ↔ furnace.
- Das ll kommt oft aus cl, pl, fl: llave (lateinisch clavis), lluvia, llama (englisch flame), lleno (lateinisch plenus, englisch plenty).
- Das ch kommt oft aus ct: noche, ocho, leche (lateinisch noctem, octō, lactem).
- Regelmäßige Endungen, wie im Englischen: -tion wird -ción (nation/nación), -ty wird -dad (university/universidad).
Falle: embarazada heißt nicht „verlegen“, sondern schwanger – und trotzdem ist es ein Verwandter des englischen embarrassed, der den Beruf gewechselt hat. Umgekehrt ist actual für dich ein echter Freund: Es heißt „aktuell“, wie dein aktuell, mit dem es verwandt ist (für Englischsprachige ist es eine Falle). Ein falscher Freund hängt immer vom Paar ab. Und ein Fremder: mucho ist nicht mit dem englischen much verwandt, so ähnlich sie klingen.
Aussprache: fünf reine Vokale, immer gleich gesprochen. Das j klingt wie dein ch in Nacht. Das r zwischen Vokalen ist ein kurzer Schlag (pero, „aber“), das rr ist gerollt (perro, „Hund“). b und v klingen gleich. Das h ist stumm. Und jede Silbe bekommt ungefähr gleich viel Zeit: ca-ra-me-lo, vier gleiche Schläge. Mehr dazu in Kapitel 10.
Karte des Italienischen
Entfernung: fern im Grundwortschatz (24 %), sehr nah am Spanischen. Wenn du schon etwas Spanisch kannst, nimm es als Brücke.
Regeln, die sich am meisten lohnen:
- Das f bleibt: fare, figlio, farina (Mehl), neben den englischen fact, filial.
- Aus cl, pl, fl wird chi, pi, fi: chiave (Schlüssel), pieno (voll – und über Grimm ist es tatsächlich mit deinem voll verwandt), fiamma (englisch flame), chiamare (rufen).
- Aus ct wird tt: notte, otto, latte.
- Doppelte Konsonanten. Das Italienische spricht viele Konsonanten doppelt (notte, latte, fiamma). Beim Skelett zählst du jeden doppelten Konsonanten nur einmal.
Falle: burro ist auf Italienisch die Butter. caldo heißt heiß – ausgerechnet, wo du bei kalt an Kälte denkst (und da ist wieder der Kompass aus Kapitel 4: derselbe Code wie dein kalt und das englische cold, Χ·Λ·Θ, diesmal auf der warmen Seite). salire heißt hinaufgehen (nicht „hinausgehen“ wie das spanische salir).
Aussprache: klare Vokale und ein Rhythmus nah am Spanischen. Neu sind die doppelten Konsonanten, die einen Moment länger gehalten werden: pala (Schaufel) ist nicht palla (Ball). Übe sie von Anfang an.
Karte des Niederländischen
Entfernung: dein nächster Nachbar (84 %). Mehr als vier von fünf Grundwörtern kennst du schon.
Regeln, die sich am meisten lohnen:
- Keine zweite Lautverschiebung – wie im Englischen. Das Niederländische hat sie nicht mitgemacht. Wo du z hast, hat es t: tien/zehn (englisch ten). Wo du pf hast, p: appel/Apfel (englisch apple). Die Regel, die du für das Englische gelernt hast, gilt hier gleich mit.
- Die Familie ist dieselbe: vader/Vater, moeder/Mutter, aarde/Erde. Oft musst du nur den Akzent tauschen.
- Lies laut. Viele niederländische Sätze verstehst du auf dem Papier fast ohne Hilfe, wenn du sie dir halblaut vorsprichst.
Falle: gerade die Nähe. Weil so vieles passt, rätst du zu schnell – und rätst auch dort, wo ein Wort den Beruf gewechselt hat. Auch zwischen so nahen Sprachen gibt es falsche Freunde. Mach die Probe aus Kapitel 5, bevor du ein Wort abspeicherst.
Aussprache: Das niederländische g klingt in den Niederlanden meist wie dein ch in Nacht, weit hinten im Hals. Die Klasse bleibt dieselbe: Χ. Wieder ein Fall, in dem die Klasse stabiler ist als der Buchstabe.