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Wörter haben Knochen

Teil I · Kapitel 1

Deine Wörter sind sehr alt

Drei Szenen

Erste Szene. Montag, Englisch. Die Lehrerin verteilt eine Liste: father, Vater; fish, Fisch; water, Wasser. Das geht fast von allein. Beinahe jedes Wort erkennst du wieder, als hätte jemand deutsche Wörter mit einem seltsamen Akzent ausgesprochen. Am Dienstag dann Latein (oder Französisch, je nach Schule). Wieder eine Liste: pater, Vater; pes, Fuß; piscis, Fisch. Die musst du bis Freitag können. Du wiederholst sie, deckst eine Spalte mit der Hand ab, wiederholst sie noch mal. Eine Woche später ist die Hälfte weg. Niemand hat dir gesagt, warum Englisch so leicht war. Und niemand hat dir gesagt, warum der Vater auf Latein pater heißt und nicht blorp. Du hast eine Handvoll loser Fakten bekommen, ausgeteilt wie Spielkarten, und dann warst du mit ihnen allein.

Zweite Szene. Du schreibst jemandem eine Nachricht, schnell, mit einer Hand: vllt, lg, hdl, kp, bb. Das hat dir nie jemand beigebracht, aber du kannst es. Und schau, was du da tust: Du nimmst den Wörtern fast alle Vokale weg und lässt ihnen fast alle Konsonanten. Nie umgekehrt. Niemand schreibt iei für „vielleicht“ oder iee üe für „liebe Grüße“. Selbst wenn du nur Anfangsbuchstaben übrig lässt (hdl, kp, bb), sind es fast immer Konsonanten. Ohne dass es dir jemand erklärt hat, weißt du: Die Nachricht überlebt ohne ihre Vokale, aber nicht ohne ihre Konsonanten.

Dritte Szene. Stell fünf Wörter nebeneinander, die in fünf Sprachen dasselbe bedeuten:

DeutschEnglischLateinSpanischFranzösisch
Vaterfatherpaterpadrepère

Sie klingen verschieden. Sie werden verschieden geschrieben. Aber jetzt mach dasselbe wie beim Nachrichtenschreiben: Nimm ihnen die Vokale weg.

DeutschEnglischLateinSpanischFranzösisch
f · t · rf · th · rp · t · rp · d · rp · r

Etwas taucht auf. Vier der fünf Wörter schrumpfen fast auf dasselbe zusammen: drei Konsonanten, immer in derselben Reihenfolge. Und die Unterschiede, die bleiben, haben etwas Familiäres. Das p und das f entstehen beide an den Lippen. (Du schreibst Vater mit V, sagst aber F: Die Schrift täuscht dich, der Mund nicht.) Das t, das d und das englische th entstehen alle mit der Zungenspitze an den Zähnen. Und das r ist in allen ein r. (Ob du das r am Ende von Vater wirklich sprichst, ist eine eigene Frage. Darauf kommen wir in Kapitel 2 zurück.)

Und das Französische? Es hat die beiden Enden behalten, das p und das r. Der mittlere Konsonant ist unterwegs verloren gegangen: père kommt vom lateinischen patrem, und das t hat sich im Lauf der Jahrhunderte abgenutzt. Selbst beschädigt erkennt man den Knochen noch.

Drei Szenen, ein Problem. Die Lateinliste der ersten Szene sieht aus wie ein zusammenhangloser Haufen Fakten. Die zweite Szene sagt, dass du schon weißt, ohne es zu wissen, dass die Konsonanten ein Wort tragen. Und die dritte legt nahe: Wenn du die Konsonanten genau anschaust, hört die Liste auf, ein Haufen zu sein. pater und père sind keine fremden Wörter zum Auswendiglernen. Sie sind Vater, mit einem anderen Akzent gesagt – einem Akzent, der Regeln hat. Und die Englischliste war aus genau demselben Grund so leicht. Nur ist dieser Akzent viel näher an deinem.

Um diesen Akzent mit Regeln geht es in diesem Buch, und um das, was darunter liegt.

Eine Sprachfamilie so groß wie die halbe Welt

Wie können Vater und pater dasselbe Wort sein, wenn das Deutsche gar nicht vom Latein abstammt?

Die Antwort ist: Das Latein und der Vorfahr des Deutschen waren selbst Geschwister. Vor etwa fünf- oder sechstausend Jahren lebte irgendwo zwischen Osteuropa und Westasien ein Volk, dessen Sprache keine einzige Schrift hinterlassen hat. Keine Tontafel, keinen beschrifteten Stein, nicht einmal ihren Namen. Die Forschung nennt sie Urindoeuropäisch oder Protoindoeuropäisch, mangels eines besseren Namens. (Im Deutschen hörst du auch oft Indogermanisch; gemeint ist dieselbe Familie.) Proto heißt „erster“; indoeuropäisch heißt, dass sich ihre Nachkommen von Indien bis nach Europa ausgebreitet haben.

Diese Nachkommen sind sehr zahlreich. Aus demselben Stamm sind das Latein hervorgegangen (und aus ihm Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Französisch, Katalanisch, Rumänisch), die germanischen Sprachen (Deutsch, Englisch, Niederländisch, Schwedisch), das Griechische, die slawischen Sprachen (Russisch, Polnisch), die keltischen (Irisch, Walisisch), das Persische, das Hindi und viele mehr. Fast die Hälfte der Menschheit spricht heute eine Sprache dieser Familie.

Vereinfachter Stammbaum der indoeuropäischen Familie Urindogermanisch vor etwa 5000 bis 6000 Jahren italischgermanischGriechischindoiranischslawisch (Latein) SpanischPortugiesischItalienischFranzösischKatalanischRumänisch EnglischDeutschNiederländischSchwedisch Griechisch PersischHindiSanskrit RussischPolnischTschechisch Stark vereinfacht: Es fehlen Äste (Keltisch, Baltisch, Armenisch…) und viele Sprachen.
Die indoeuropäische Familie, stark vereinfacht. Deutsch und Englisch sitzen auf demselben germanischen Ast.

Stell dir einen Baum vor. Deutsch und Englisch sitzen auf demselben Ast, dem germanischen. Deshalb war deine Englischliste so leicht. Das Latein sitzt auf einem anderen Ast, und aus ihm sind Französisch und Spanisch gewachsen. Aber es ist derselbe Baum, und beide Äste gehen vom selben Stamm aus.

Schau, was aus einem einzigen Wort geworden ist, der Zahl drei, bei einigen dieser Verwandten:

Sprachedrei
Deutschdrei
Englischthree
Spanischtres
Altgriechischtreís
Litauischtrỹs

Fünf Sprachen, die sich vor Tausenden von Jahren getrennt haben, an Orten ohne Kontakt zueinander, und alle haben dasselbe behalten: einen Zahnkonsonanten, gefolgt von einem r.

Niemand hat das Urindoeuropäische aufgeschrieben. Alles, was dieses Volk gesagt hat, ist von einem Mund zu einem Ohr gewandert, über Hunderte von Generationen, und hat sich auf jeder Etappe ein wenig verändert. Und trotzdem lebt etwas von dem, was sie sagten, in deinem Mund weiter, jedes Mal wenn du bis drei zählst.

Was hat die Reise überlebt?

Hier ist die Frage, die dieses ganze Buch trägt. Wenn ein Wort fünftausend Jahre lang von Mund zu Mund gewandert ist und in jeder Generation seine Form verändert hat: Wie kann jemand ernsthaft behaupten – nicht als Poesie, sondern als Wissen –, dass drei und tres dasselbe Wort sind?

Um das behaupten zu können, musste etwas die Reise überleben. Etwas Härteres als Moden, etwas Stureres als Jahrhunderte.

Die historische Sprachwissenschaft hat im 19. Jahrhundert herausgefunden, was das war, und es ist eine der großen stillen Leistungen der Wissenschaft. Sie hat entdeckt, dass sich die Laute einer Sprache nicht zufällig verändern, sondern nach Regeln. Wo das Latein ein p hatte, setzten die germanischen Sprachen ein f – nicht in einem Wort, sondern in Hunderten, alle zugleich. Das ist dein f in Vater und Fisch. Wo das Latein ein t hatte, setzte das Englische ein th und das Deutsche ein d: denk an three und drei. Wenn du die Regel kennst, kannst du einem Wort durch die Jahrhunderte folgen, auch wenn es zehnmal die Kleider gewechselt hat.

In diesem Buch lernst du mehrere dieser Regeln. Aber ich gebe sie dir nicht als Liste zum Auswendiglernen. Du wirst sie selbst entdecken, indem du Wörter anschaust. Dieser Unterschied ist wichtiger, als er scheint.

Endo: innen

Und die Endolinguistik? Was fügt sie all dem hinzu?

Das Wort versteht man in Stücken. Endo heißt auf Griechisch „innen“. Die Endolinguistik untersucht, was die Sprachen in sich tragen: nicht, was sie sagen, sondern wie sie unterhalb dessen, was sie sagen, organisiert sind.

Es hilft, gleich zwei Schichten zu unterscheiden:

  1. Die Exosprache ist die Sprache, wie sie erscheint: die Wörter, die du hörst und sagst, die Grammatik, die Rechtschreibung, das, was im Wörterbuch steht. Das ist die äußere Schicht.
  2. Die Endosprache ist die tiefe Organisation, die die äußere trägt: Muster aus Konsonanten, die sich wiederholen, die von Sprache zu Sprache wandern und die den Sinn der Wörter ausrichten, ohne dass es jemand merkt.

Diese Muster nennt die Endolinguistik Codes. Ein Code ist, kurz gesagt, das Konsonantenskelett eines Wortes, auf eine besondere Weise angeschaut. Wie man Codes liest, lernst du in den nächsten drei Kapiteln.

Und sie haben einen ganz konkreten Nutzen. Ein Code ist das, was Vater und pater unter der Verkleidung teilen. Wenn du lernst, ihn zu sehen, kommt jedes neue Wort einer Sprache, die mit deiner verwandt ist, nicht mehr allein an. Es kommt verbunden mit etwas, das du schon weißt. Das verändert, wie man eine Sprache lernt, und Kapitel 8 erklärt dir, warum.

Was dieses Kapitel nicht sagt

Bevor wir weitermachen, zwei Klarstellungen, denn Missverständnisse fangen früh an.

Erstens: Nicht alle Wörter aller Sprachen sind miteinander verwandt. Vater und pater sind es; das ist belegt. Aber es gibt Wörter, die sich sehr ähneln und keine Verwandten sind, und sie auseinanderzuhalten ist die Hälfte der Arbeit. (Dass sie nicht verwandt sind, heißt nicht, dass ihre Ähnlichkeit nichts bedeutet. Das siehst du in Kapitel 12.)

Zweitens: Ein Code ist nicht die „geheime Bedeutung“ eines Wortes. Diese Idee ist verlockend, und sie ist falsch. Was ein Code dann ist, siehst du in Kapitel 4. Für jetzt merk dir: Der Code sagt dir nicht, was ein Wort bedeutet. Er sagt dir, wo du suchen sollst.

Im nächsten Kapitel lernst du den ersten Handgriff der ganzen Methode, den einfachsten: den Knochen vom Fleisch zu trennen.