Teil II · Kapitel 6
Die Regeln der Reise
Ein Trick, den man einmal lernt
Stell dir vor, jemand gibt dir eine Liste mit vierzig Wörtern in einer Sprache, die du nicht kennst, und sagt: „Lern die auswendig.“ Und jetzt stell dir vor, er gibt dir stattdessen eine einzige Regel und sagt: „Damit kannst du dreißig von den vierzig erraten.“ Was ist dir lieber?
Verwandte Sprachen verändern die Wörter nicht zufällig. Sie verändern sie nach Regeln, und jede Regel gilt für Hunderte von Wörtern auf einmal. Diese Regeln nennt die Sprachwissenschaft Korrespondenzen: Wo die eine Sprache diesen Laut hat, hat die andere jenen. Eine Korrespondenz zu lernen heißt, einen Trick einmal zu lernen und ihn tausendmal zu benutzen.
Dieses Kapitel bringt dir mehrere bei. Aber ich gebe sie dir nicht als Liste. Ich lege dir die Wörter hin, und du siehst die Regel selbst. So funktioniert es besser: Was du entdeckst, behältst du.
Das Grimmsche Gesetz: wo das Latein p hat, hast du f
Fangen wir mit der großen Reise an, die dich vom Latein trennt – und damit vom Französischen, vom Spanischen, vom Italienischen, die du in der Schule vielleicht lernst.
Die germanischen Sprachen – das Deutsche, das Englische, das Niederländische, das Schwedische – haben vor mehr als zweitausend Jahren eine Kettenreaktion in ihren Konsonanten erlebt. Beschrieben hat sie 1822 Jacob Grimm, derselbe Grimm wie bei den Märchen der Brüder Grimm. Deshalb heißt sie Grimmsches Gesetz, oder auch erste Lautverschiebung. Das Latein hat diese Veränderung nicht mitgemacht. Wenn du also deine deutschen Wörter (germanisch) mit lateinischen, spanischen oder französischen Wörtern vergleichst, kannst du dem Gesetz bei der Arbeit zusehen.
Sieh dir diese Gruppen an. Such in jeder, welcher deutsche Konsonant welchem lateinischen entspricht.
Gruppe 1.
| Deutsch | Latein | Spanisch | Französisch |
|---|---|---|---|
| Vater | pater | padre | père |
| Fisch | piscis | pez | poisson |
| voll | plēnus | lleno | plein |
Gruppe 2.
| Deutsch | Latein | Spanisch | Französisch |
|---|---|---|---|
| drei | trēs | tres | trois |
Gruppe 3.
| Deutsch | Latein | Spanisch | Französisch |
|---|---|---|---|
| Herz | cor | corazón | cœur |
| hundert | centum | cien | cent |
| Hund | canis | can (gehoben: „Hund“) | chien |
| wer | quī | quién | qui |
Gruppe 4.
| Deutsch | Englisch | Latein / Spanisch |
|---|---|---|
| kalt | cold | gelidus / gélido („eiskalt“) |
Hast du sie gefunden? Wo das Latein p hat, hast du f (bei Vater nur mit v geschrieben). Wo das Latein t hat, hast du d. Wo das Latein k hat (geschrieben c oder qu), hast du h. Wo das Latein g hat, hast du k.
Zwei Dinge musst du dabei wissen. Bei drei hat das Englische noch einen Zwischenschritt aufbewahrt: three, mit th. Wo das Latein ein t bewahrt hat, bekam das Germanische zuerst ein th, und erst später wurde daraus bei dir ein d; dazu gleich mehr. Und bei wer ist vom germanischen hw nur das w übrig geblieben: Das germanische Wort war hwaʀ, und im englischen who hört man das h bis heute (dort ist dafür das w verstummt).
Warum das dem Code gut tut
Jetzt kommt das Beste. Sieh dir an, welche Lautpaare das Grimmsche Gesetz austauscht:
- p und f: beide gehören zur Klasse der Lippen, Φ.
- t und th, th und d: alle drei gehören zur Klasse der Zähne, Θ.
- k und h, g und k: alle gehören zur Klasse von hinten, Χ.
Das Grimmsche Gesetz holt einen Laut fast nie aus seiner Klasse! Es wechselt das Kostüm, nicht die Person. Deshalb haben das spanische padre und das englische father genau denselben Code, Φ·Θ·Λ, obwohl die Buchstaben verschieden sind. Und deshalb sind die Klassen ein so gutes Instrument, um Verwandtschaften zwischen deiner Sprache und den romanischen Sprachen zu sehen: Sie sind so gebaut, dass die größte Veränderung, die die beiden Welten trennt, fast vollständig innerhalb jeder Klasse bleibt.
Dein Vater hat in der Standardaussprache nur Φ·Θ. Das ist aber nicht Grimms Schuld: Das Λ steckt in deinem r nach dem Vokal, das zu einem Vokal geworden ist (Kapitel 4). Im Süden, in Österreich und in der Schweiz trägt Vater alle drei Klassen.
Deine zweite Lautverschiebung: was dich vom Englischen trennt
Das Englische ist dir viel näher als das Latein. Aber das Deutsche hat eine zweite Kettenreaktion erlebt, die das Englische nicht mitgemacht hat: die zweite Lautverschiebung. Sie ist der Grund, warum du ein englisches Wort manchmal sofort erkennst und manchmal erst beim zweiten Hinsehen.
| Englisch | Deutsch |
|---|---|
| ten | zehn |
| two | zwei |
| heart | Herz |
| water | Wasser |
| apple | Apfel |
| book | Buch |
| bread | Brot |
Wo das Englische am Wortanfang t hat, hast du z (das wie ts klingt). Wo das Englische t in der Mitte oder am Ende hat, hast du oft ss oder z. Wo das Englische p hat, hast du pf oder f. Wo das Englische k hat, hast du ch. Wo das Englische d hat, hast du t.
Lies die Regel rückwärts, und sie arbeitet für dich: Vor einem deutschen Wort mit z, pf oder ch probierst du ein englisches mit t, p oder k.
Hier holen manche Wechsel, anders als beim Grimmschen Gesetz, den Laut doch aus seiner Klasse. Das t von ten (Θ) wurde zum ts von zehn, das im Zischen endet (Σ): ten ist Θ·Ξ, zehn ist Σ·Ξ. Dasselbe bei water (w·t, Φ·Θ) und Wasser (w·s, Φ·Σ). Die anderen Wechsel bleiben brav in ihrer Klasse: p und pf sind beide Φ, k und ch beide Χ, d und t beide Θ. Wenn ein Laut seine Klasse verlässt, ändert sich der Code. Das ist kein Fehler der Methode, sondern eine Information: Sie sagt dir, dass dieser Wechsel heftiger war.
Manche Wörter haben beide Verschiebungen durchgemacht, eine nach der anderen. Wo das Latein ein d hat, bekam das Germanische durch Grimm ein t, und dieses t wurde bei dir durch die zweite Verschiebung zum z:
| Spanisch (Latein) | Englisch | Deutsch |
|---|---|---|
| diez (decem) | ten | zehn |
| dos (duōs) | two | zwei |
Das Spanische steht noch am Anfang des Weges, das Englische auf halber Strecke, du am Ende.
Aus th wurde d
Eine letzte, kleine Regel trennt dich vom Englischen. Das germanische th, das das Englische bis heute spricht, ist bei dir zu d geworden.
| Englisch | Deutsch |
|---|---|
| three | drei |
| earth | Erde |
Das ist das th aus Gruppe 2 oben: Latein trēs, Englisch three, Deutsch drei. Und diesmal bleibt der Code ruhig: th und d gehören beide zu Θ. (Dass dein Erde im Norden nur noch ein d hat, liegt am r, nicht an dieser Regel; erinnerst du dich an die Herausforderung aus Kapitel 4?)
Für die romanischen Sprachen: das h, das ein f war
Die folgenden Regeln gehören nicht zu deiner Geschichte, sondern zu der der Sprachen, die du vielleicht lernst. Sie spielen sich innerhalb der Familie ab, die aus dem Latein kommt. Sieh dir diese Wörter in vier Sprachen an, die vom Latein abstammen, und im Latein selbst:
| Spanisch | Portugiesisch | Italienisch | Französisch | Latein |
|---|---|---|---|---|
| hacer | fazer | fare | faire | facere |
| hijo | filho | figlio | fils | filius |
| hierro | ferro | ferro | fer | ferrum |
| harina | farinha | farina | farine | farina |
| hilo | fio | filo | fil | filum |
| hoja | folha | foglia | feuille | folium |
| horno | forno | forno | — | furnus |
(Sie bedeuten „machen“, „Sohn“, „Eisen“, „Mehl“, „Faden“, „Blatt“ und „Ofen“.) Schau dir den ersten Buchstaben jeder Spalte an. Was siehst du?
Wo das Latein, das Portugiesische, das Italienische und das Französische f haben, hat das Spanische h. Und dieses h ist stumm – anders als dein h, das man hört. Das Spanische hat also das lateinische f am Wortanfang verloren. Nicht in einem Wort, sondern in all diesen und in vielen mehr.
Warum schreibt man das h dann noch? Weil es die Spur des f ist. Im Altspanischen, vor etwa achthundert Jahren, sagte man noch fazer, fijo, fierro, forno. Nach und nach wurde das f weicher, bis es nur noch ein Hauch war, den man h schrieb, und dann verschwand auch der Hauch. Die Schrift hat den Buchstaben behalten, so wie man das Foto eines Verwandten aufhebt, der nicht mehr da ist.
Ein Tipp, wenn du Spanisch lernst: Beginnt ein spanisches Wort mit einem stummen h, setz ein f an seine Stelle und schau, ob ein Wort aus dem Französischen, dem Italienischen oder aus deinem Lateinbuch aufleuchtet: hilo → fil, harina → farina, hoja → folium.
Die Regel hat ihre eigenen Regeln
Sieh dir jetzt diese spanischen Wörter an: fuego (Feuer), fuerte (stark), flor (Blume), frente (Stirn). Sie kommen vom lateinischen focus, fortis, flos, frons und haben ihr f behalten. Brechen sie die Regel?
Nicht wirklich. Schau, was nach dem f kommt: in fuego und fuerte der Doppellaut ue; in flor und frente ein fließender Konsonant, l oder r. An diesen Stellen hat das f durchgehalten. (Leicht war es nicht: Eine Zeit lang sagte man auch huego, und am Ende hat die Form mit f gewonnen.) Eine Regel, deren Ausnahmen ihre eigene Erklärung haben, ist keine gebrochene Regel. Sie ist eine genauere.
Was mit dem Code passiert
Das hat eine Folge für den Code. Wenn das Spanische das f verliert, verliert der Code eine Klasse: filius begann mit Φ; hijo nicht. Das portugiesische filho, das italienische figlio und das französische fils haben es behalten. Wenn du den ursprünglichen Code eines spanischen Wortes mit stummem h finden willst, lohnt es sich oft, seine Vettern anzusehen: Sie haben bewahrt, was das Spanische verloren hat.
Was das Spanische mit cl, pl und fl gemacht hat
Noch eine Tabelle. Diesmal beginnt das lateinische Wort mit zwei Konsonanten hintereinander.
| Latein | Spanisch | Portugiesisch | Italienisch | Französisch |
|---|---|---|---|---|
| clavis | llave | chave | chiave | clé |
| pluvia | lluvia | chuva | pioggia | pluie |
| flamma | llama | chama | fiamma | flamme |
| plenus | lleno | cheio | pieno | plein |
(Sie bedeuten „Schlüssel“, „Regen“, „Flamme“ und „voll“.) Vier Sprachen, vier verschiedene Lösungen für dasselbe Problem. Das Französische hat die Gruppen cl, pl, fl behalten. Das Spanische hat daraus ll gemacht. Das Portugiesische ch (das im Portugiesischen wie sch klingt). Das Italienische hat das l durch ein i ersetzt: chi, pi, fi.
Das Englische hat die lateinischen Gruppen in seinen gelehrten Wörtern oft behalten: flame (von flamma), plenty (von plenus), clamor (aus derselben Wurzel wie das spanische llamar, „rufen“). Beginnt ein spanisches Wort mit ll, probier also cl, pl oder fl und schau, was du findest: llama → flame, lleno → plenty, llamar → clamor. Und wenn du eines Tages vom Spanischen zum Portugiesischen weitergehst, schenkt dir dieselbe Regel Dutzende von Wörtern: Wo das Spanische ll sagt und das Latein cl, pl oder fl hatte, sagt das Portugiesische ch. Llamar wird chamar, llave wird chave, lluvia wird chuva.
Übrigens: Das plēnus aus dieser Tabelle kennst du schon aus Gruppe 1. Es ist der lateinische Vetter deines voll.
Was es mit ct gemacht hat
Noch eine. Diesmal steht die lateinische Gruppe mitten im Wort.
| Latein | Spanisch | Portugiesisch | Italienisch | Französisch | Englisch |
|---|---|---|---|---|---|
| noctem | noche | noite | notte | nuit | night |
| octo | ocho | oito | otto | huit | eight |
| lactem | leche | leite | latte | lait | — |
Die lateinische Gruppe ct wurde im Spanischen zu ch, im Portugiesischen zu it, im Italienischen zu tt. Und sieh dir die letzte Spalte an: Das englische night und eight kommen nicht aus dem Latein, sondern aus dem germanischen Zweig, und trotzdem sind sie Koderivate von noche und ocho. Dein Nacht und dein acht gehören auch dazu. Sie alle kommen von denselben urindoeuropäischen Wörtern. (Das englische milk ist dagegen kein Verwandter von leche: Es kommt von einer anderen Wurzel. Deshalb ist das Feld leer.)
Vom Spanischen zum Französischen
Eine letzte, kurze. Sieh her:
| Spanisch | Französisch |
|---|---|
| cantar („singen“) | chanter |
| campo („Feld“) | champ |
| caballo („Pferd“) | cheval |
| cabra („Ziege“) | chèvre |
| casa („Haus“) | chez |
Wo das Spanische ca hat, hat das Französische oft cha oder che (mit einem sch-Laut). Hier verlässt der Laut übrigens seine Klasse, wie bei zehn: Das k (Χ) wurde zum sch (Σ). Die letzte Zeile ist meine liebste. Das französische chez heißt „bei“: chez moi, bei mir zu Hause. Es kommt vom lateinischen casa, demselben Wort wie das spanische casa. Es hat sich so abgenutzt, dass es zu einer Präposition geworden ist.
Regeln sind keine eisernen Gesetze
Alles, was du in diesem Kapitel gesehen hast, sind Tendenzen mit Gründen, keine absoluten Gesetze. Es gibt Ausnahmen. Manche erklärt eine feinere Regel (wie das f von fuego). Andere erklärt eine Entlehnung: ein Wort, das erst kam, nachdem die Regel schon gewirkt hatte, und sie deshalb nicht mitgemacht hat. Wieder andere haben noch keine Erklärung.
Dir die Korrespondenzen beizubringen, als wären sie absolut, hieße, dir ein falsches Vertrauen einzupflanzen. Richtig benutzt man sie als begründete Wette: Sie helfen dir beim Raten, und danach prüfst du nach.
Im nächsten Kapitel findest du diese Regeln nach Sprachen geordnet, wie eine Taschenkarte für jede Sprache, die du lernen möchtest.