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Wörter haben Knochen

Teil I · Kapitel 2

Knochen und Fleisch

Zwei Arten von Laut

Jedes Wort besteht aus zwei Arten von Laut, und es lohnt sich, den Unterschied im Mund zu spüren, bevor man ihn erklärt.

Sag aaaa. Du kannst es halten, solange dein Atem reicht. Der Mund ist offen, die Luft strömt frei heraus, und die Stimme klingt. Das ist ein Vokal.

Jetzt sag p. Das kannst du nicht halten: Es ist ein Augenblick. Du hast die Lippen geschlossen, die Luft hat sich dahinter gestaut und ist mit einem Schlag herausgekommen. Sag t: Die Zungenspitze hat den Weg an den Zähnen versperrt und ihn wieder freigegeben. Sag s: Du hast nichts versperrt, aber den Durchgang so verengt, dass die Luft zischt. Das sind Konsonanten. Ein Konsonant ist etwas, das du mit der Luft machst: Du schneidest sie ab, du presst sie, du schickst sie durch die Nase.

Darum ähneln die Konsonanten einem Umriss und die Vokale einer Farbe. Der Konsonant zieht eine Kante; der Vokal füllt den Raum zwischen den Kanten. In Teil III kommen wir auf dieses Bild zurück, denn es reicht tiefer, als es scheint. Für jetzt bleiben wir bei den Kanten.

Warum der Knochen länger hält als das Fleisch

Ein Wort ist wie ein Körper: Es hat Fleisch und es hat Knochen. Die Vokale sind das Fleisch. Sie sind weich, sie ändern sich von Land zu Land, von Stadtviertel zu Stadtviertel, von Generation zu Generation, und kaum jemand merkt es. Die Konsonanten sind der Knochen. Auch sie ändern sich – nichts in einer Sprache ist ewig –, aber sie ändern sich langsamer und vor allem nach Regeln.

Dafür gibt es viele Belege, und einige kennst du schon.

Das Skelett herausholen: Der Knochen kommt aus dem Klang

Die Konsonanten eines Wortes, in ihrer Reihenfolge, nennen wir sein Skelett. Wir schreiben es mit kleinen Punkten zwischen den Konsonanten, damit man sieht, dass es einzelne Stücke sind:

WortSkelett
Brotb · r · t
Mausm · s
Kamelk · m · l

Sieht leicht aus, und fast immer ist es das auch. Aber es gibt eine Regel, die alles verändert und die du vom ersten Tag an klar haben musst:

Das Skelett kommt aus dem Klang, nicht aus den Buchstaben.

Die Rechtschreibung ist eine junge Erfindung, voller Launen und historischer Reste. Der Mund ist viel älter. Wenn Schrift und Mund sich widersprechen, gewinnt der Mund. Schauen wir uns die Stellen an, an denen dich das Deutsche hereinlegt.

  1. Das h: mal hörbar, mal stumm. Am Anfang einer Silbe hörst du es, als Hauch: Haus h · s, Hut h · t. Nach einem Vokal ist es stumm und macht den Vokal nur lang: Kuh ist nur k, und in sehen hörst du kein h. Dann zählt es nicht. (Woher viele deiner h am Wortanfang kommen – Herz, Horn, hundert –, entdeckst du in Kapitel 6. Es ist eine der schönsten Geschichten dieses Buches.)
  2. Ein Laut, mehrere Schreibungen. Der Laut k wird k geschrieben (Kamel), ck (Zucker), c (Café) oder, am Wortende, sogar g (siehe Punkt 3). Er ist immer k. Der Laut f wird f geschrieben, v (Vogel f · g · l) oder ph (Physik). Er ist immer f.
  3. Die Auslautverhärtung. Am Wortende werden b, d und g hart gesprochen: Rad klingt wie Rat (r · t), Weg endet mit k (w · k), Dieb endet mit p (d · p). Du schreibst den weichen Buchstaben und sprichst den harten. Im Skelett steht, was du sprichst. (In Kapitel 3 wirst du sehen, dass sich dabei etwas Wichtiges trotzdem nicht ändert.)
  4. Mehrere Buchstaben, ein Laut. sch (Schule sch · l), ch (ich, Bach) und ng (lang l · ng) sind jeweils ein einziger Laut. Sie zählen einmal. Und am Wortanfang klingen sp und st wie schp und scht: Spiel ist sch · p · l, Straße ist sch · t · r · s.
  5. Ein Buchstabe, zwei Laute. Das x in Text klingt ks: Das sind zwei Konsonanten (t · k · s · t). Das z klingt ts, und das pf in Apfel beginnt wie ein p und endet wie ein f. Diese beiden sind Übergangslaute: Sie gleiten in einem einzigen Zug von einem Laut in den nächsten, und deshalb zählen sie als ein Stück. Wir schreiben sie einfach z und pf: Zeit z · t, Apfel pf · l.
  6. Das weiche s. Vor einem Vokal klingt das s weich und summend, wie das englische z in zoo: Sand klingt wie „zand“. Wir schreiben es im Skelett z: Sand z · n · t, Rose r · z. (Ja, damit steht z für zwei nahe Laute, das ts von Zeit und das weiche s von Sand. Beide sind Zischlaute; in Kapitel 3 landen sie ohnehin in derselben Klasse.)
  7. Das w und das v. Dein w klingt wie das v im englischen very: Wasser w · s. Dein v klingt meistens wie f: Vogel f · g · l.
  8. Doppelte Buchstaben, ein Laut. Das ss in Wasser und das mm in Himmel (h · m · l) sind einfache Konsonanten. Sie zählen einmal.
  9. Das r nach einem Vokal. Am Silbenanfang und nach einem Konsonanten ist das r ein echtes r: Rad, Brot. Aber nach einem Vokal verwandelt es sich in der Standardaussprache in einen Vokal, eine Art kurzes a: mehr klingt wie „meea“, Butter wie „Butta“. Dann zählt es nicht: mehr ist nur m, Butter ist b · t. Gleich mehr dazu.
  10. Das j. Der erste Laut von ja liegt genau an der Grenze zwischen Vokal und Konsonant, und die Forschung streitet noch, wohin er gehört. Bis dahin setzt du ihn in Klammern: ja → (j), Jacke → (j) · k. In Kapitel 3 erkläre ich dir, warum wir ihn beiseitelassen, statt mit Gewalt zu entscheiden.
  11. Die Doppellaute und der Knacks. ei, au und eu klingen wie zwei Vokale, die ineinandergleiten. Sie bleiben Vokale und zählen nicht: Eis ist nur s, Maus ist m · s. Auch der kleine Knacks, mit dem du ein Wort wie Eis oder Apfel beginnst (der Knacklaut), zählt nicht.

Dein Skelett hängt von deinem Akzent ab

Das verdient einen Moment, denn es ist wichtiger, als es scheint. Wenn das Skelett aus dem Klang kommt und der Klang davon abhängt, wo du sprichst, dann kann dasselbe Wort verschiedene Skelette haben, je nachdem, wer es sagt.

Das ist kein Fehler der Methode. Es ist eine Tatsache. Sie sagt dir etwas Wirkliches über die Sprache: dass sie kein stillstehender Gegenstand ist, sondern ein Fluss mit vielen Armen. In diesem Buch begegnen dir solche Unterschiede noch öfter, und jedes Mal bringen sie dir etwas bei.

Das beste Beispiel im Deutschen ist das r nach einem Vokal. In Hamburg oder Hannover verschwindet es in Vater ganz: Man sagt „Fata“. In München, Wien oder Zürich wird es gesprochen, gerollt oder gerieben. Und das Englische kennt genau denselben Unterschied:

Wortwie es klingtSkelett
Vater, in NorddeutschlandFataf · t
Vater, in Bayern, Österreich, der SchweizFater, mit hörbarem rf · t · r
know (wissen, kennen)noun
mother (Mutter), in Englandmathe, mit englischem thm · th
mother (Mutter), in den USAmather, mit englischem thm · th · r

Das k in know wird geschrieben, aber nicht gesprochen. Vor tausend Jahren klang es noch: Im Altenglischen hieß das Wort cnāwan, und das c wurde k gesprochen. Die Schrift hat den Buchstaben aufbewahrt wie ein Fossil, aber der Mund hat ihn fallen lassen. Und das r am Ende von mother klingt fast überall in den USA, in weiten Teilen Englands dagegen nicht. Wenn du Englisch mit amerikanischem Akzent sprichst, hat dein Skelett von mother drei Konsonanten; mit britischem Akzent zwei. Beim Vater ist es genauso: Wer im Norden aufgewachsen ist, hat ein Skelett mit zwei Stücken, wer im Süden aufgewachsen ist, eines mit drei. Keiner von beiden spricht falsch.

Der zentrale Knochen: die Wurzel

Es gibt noch eine letzte Sache in diesem Kapitel, und die wirst du am meisten brauchen.

Viele Wörter sind aus Stücken gebaut. kaufen, Kauf, verkaufen, Einkauf: Alle vier teilen ein Stück, kauf-, das den Sinn trägt. Der Rest sind Anhängsel, die sagen, ob es ein Verb ist oder ein Nomen, in welche Richtung es geht, wer es tut. Das Stück, das den Sinn trägt, nennen wir Wurzel, und die Stücke, die daran kleben, Affixe: Die vorne sind Präfixe (ver-, be-, ent-, un-), die hinten sind Suffixe (-ung, -heit, -lich, -en).

Für die Arbeit mit Codes zählt das Skelett der Wurzel. Wenn du das Skelett des ganzen Wortes nimmst, schmuggeln die Anhängsel Konsonanten hinein, die nicht zum zentralen Knochen gehören: Das n von kaufen gehört zur Infinitivendung -en, nicht zur Wurzel; das f am Anfang von verkaufen gehört zur Vorsilbe ver-.

Wortganzes SkelettWurzelSkelett der Wurzel
kaufenk · f · nkauf-k · f
verkaufenf · k · f · n-kauf-k · f
Einkaufn · k · f-kaufk · f
käuflichk · f · l · chkäuf-k · f

(Schau dir käuflich an: Aus dem au ist ein äu geworden. Das Fleisch hat sich bewegt, der Knochen k · f nicht. Auch das hat eine Geschichte, aber die brauchst du jetzt nicht.)

Woher weißt du, was die Wurzel ist? Meistens reicht der gesunde Menschenverstand: Such andere Wörter derselben Familie und schau, welches Stück sie teilen. Wenn du dir nicht sicher bist, sagt es dir ein Wörterbuch mit Etymologie. Das DWDS, das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, kannst du kostenlos im Netz benutzen (www.dwds.de): Bei vielen Wörtern steht dort, woher sie kommen.

Was das Skelett nicht ist

Das Skelett ist ein Werkzeug, keine Entdeckung über das Wort. Wir holen es selbst heraus, um vergleichen zu können. Es ist wie ein Röntgenbild: Es zeigt dir den Knochen mit einer Klarheit, die ein normales Foto nicht hat, aber niemand verwechselt einen Menschen mit seinem Röntgenbild. Die Musik des Wortes, sein Tonfall, sein Leben unter den Leuten, das, was du fühlst, wenn du es sagst – all das bleibt draußen. Wir holen es uns in Teil III zurück.

Im nächsten Kapitel gehen wir einen Schritt weiter hinein, ganz wörtlich: in deinen Mund. Du wirst entdecken, dass all diese Konsonanten, die so viele scheinen, in nur sieben Regionen wohnen.